Warhammer Online: Age of Reckoning, veröffentlicht von Mythic Entertainment, stellte das Realm-vs-Realm-Prinzip (RvR) in den Mittelpunkt. Zwei große Fraktionen treten auf offenen Schlachtfeldern gegeneinander an, statt in abgegrenzten PvP-Arenen. Das Spiel übertrug Games Workshops düstere Fantasy-Welt auf ein MMORPG und machte den Krieg zwischen den Fraktionen zum Inhalt für die höchste Spielstufe. Auch nach der Abschaltung der offiziellen Server gilt Warhammer Online bis heute als Referenz für Fraktionskampf und Belagerungen in Online-Rollenspielen.
Die zwei Fraktionen und ihre Kriegsgebiete
Warhammer Online teilte die Spieler in zwei Lager: die Ordnung (Order) mit Menschen, Zwergen und Hochelfen sowie die Zerstörung (Destruction) mit Grünhäuten, Chaos und Dunkelelfen. Jede Fraktion kämpfte in mehreren Kriegsgebieten (Tier 1 bis Tier 4) gegeneinander. Jedes Gebiet entsprach einer bestimmten Stufe der Charakterentwicklung. In diesen Gebieten trafen die Spieler nicht nur in spontanen Gefechten aufeinander, sondern eroberten auch strategische Punkte wie Türme und Festungen.
Wer in Warhammer Online auf hohem Level spielen wollte, musste sich am RvR beteiligen, um Ruhm und Ansehen zu gewinnen. In vielen anderen MMORPGs blieben solche Kämpfe dagegen optional. Beides war für die Ausrüstung und den Aufstieg im Rangsystem notwendig. Die PvE-Inhalte, also das Kämpfen gegen computergesteuerte Gegner, dienten vor allem dazu, die Charaktere für den eigentlichen Krieg vorzubereiten.
Belagerungen und die Kampagne
Das Herzstück des RvR-Systems waren die Belagerungen. Jede Fraktion konnte in einem Kriegsgebiet Festungen angreifen, die von der Gegenseite gehalten wurden. Dazu mussten die Angreifer zunächst die äußeren Verteidigungsanlagen wie Türme und Mauern schwächen. Belagerungswaffen wie Rammböcke, Katapulte und Kanonen standen bereit, um Tore und Mauern zu zerstören. Verteidiger konnten von den Mauern aus mit Fernkampf angreifen, Öl auf die Angreifer gießen oder Ausfälle wagen, um die Belagerungsmaschinen zu zerstören.
Wenn die Angreifer den Durchbruch schafften, wartete im Inneren der Festung ein letzter Verteidigungskampf um den Festungskern. Die Eroberung einer Festung hatte direkte Auswirkungen auf die Kampagne: Sie öffnete den Weg zur feindlichen Hauptstadt, die auf der höchsten Spielstufe erobert werden konnte. Die Eroberung einer Hauptstadt war der größte Erfolg, den eine Fraktion erreichen konnte. Sie erforderte die Koordination mehrerer Gruppen und Kriegsbanden über einen längeren Zeitraum.
Diese Belagerungen fanden nicht in einer abgetrennten Instanz statt, sondern in der offenen Spielwelt. Dadurch konnten sich jederzeit Verstärkungen von beiden Seiten in den Kampf einmischen. Eine Belagerung konnte so zu einem stundenlangen Gefecht werden, bei dem die Frontlinie ständig wechselte.
Einfluss und Grenzen des RvR-Systems
Warhammer Online war nicht das erste Spiel mit Fraktionskrieg. Mythic Entertainment hatte bereits mit Dark Age of Camelot das Realm-vs-Realm-Konzept etabliert. Doch Warhammer Online brachte dieses Prinzip in eine bekanntere Lizenz und verband es mit einer zugänglicheren PvE-Erfahrung. Das Spiel zeigte, dass ein MMORPG seinen Fokus auf den Krieg zwischen Spielern legen kann, ohne die PvE-Spieler zu vernachlässigen. Es zeigte auch, dass gerade die offenen Schlachten eine starke Bindung innerhalb der Spielergemeinschaft erzeugen.
Den Einfluss sieht man in späteren Spielen wie Guild Wars 2, dessen World-versus-World-Modus ähnliche offene Gebietskämpfe mit Belagerungen bietet. Auch die Idee, dass die Ergebnisse von PvP-Schlachten die Spielwelt dauerhaft verändern, wurde von Warhammer Online aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Kampagne mit ihren eroberbaren Festungen und Städten war ein frühes Beispiel für dauerhafte Kriegsfronten, die später in anderen Titeln zum Standard wurden.
Gleichzeitig zeigte das Spiel auch die Schwächen eines solchen Systems. Die Balance zwischen den Fraktionen war oft schwierig. Wenn eine Seite deutlich stärker war, konnte das den Spielspaß für die unterlegene Fraktion stark beeinträchtigen. Die Entwickler reagierten mit Mechaniken wie dem "Underdog-Bonus", der der schwächeren Fraktion zeitweise Vorteile gewährte. Eine dauerhaft ausgeglichene Kampagne blieb aber eine Herausforderung.
Das Spiel heute erleben
Die offiziellen Server von Warhammer Online wurden abgeschaltet. Wer das Spiel heute noch erleben möchte, findet mit Return of Reckoning einen privaten Server, der von einer Community betrieben wird und das Spiel in einer stark erweiterten Form anbietet. Der Server läuft seit mehreren Jahren und hat eine aktive Spielerbasis. Die Betreiber haben viele der ursprünglichen Fehler behoben, neue Inhalte hinzugefügt und die Balance angepasst. Wer sich für das RvR-Prinzip interessiert, kann dort also noch heute die Belagerungen und Fraktionskämpfe erleben, die Warhammer Online auszeichneten.