Wie funktioniert das Sandbox-MMO EVE Online?
EVE Online ist ein Massively Multiplayer Online-Spiel, das sich von den meisten anderen des Genres unterscheidet. Statt einer vorgegebenen Handlung oder fester Questreihen gibt es eine riesige, zusammenhängende Galaxie. Alle Spieler agieren gleichzeitig auf einem einzigen Server. Es gibt keine festen Ziele, keine vorgegebene Rolle und keinen Bereich, der vor den Handlungen anderer schützt. Was passiert, bestimmen die Spieler selbst: durch Handel, Krieg, Diplomatie, Betrug oder Verrat.
Wer das Sandbox-MMO verstehen will, muss sich mit drei Säulen beschäftigen: den offenen Zielen, der spielergetriebenen Wirtschaft und den Corporations, den Spielerorganisationen. Dazu kommt eine Lernkurve, die viele Neueinsteiger unterschätzen.
Offene Ziele statt Questpfad
In EVE Online gibt es keine Hauptstory, die Sie durch das Spiel führt, und keine NPCs, die Ihnen Aufträge geben, um die Welt zu retten. Stattdessen wählen Sie selbst, was Sie tun möchten. Sie können als Bergarbeiter in Asteroidengürteln Erze fördern, als Händler zwischen Sternensystemen Waren transportieren, als Kopfgeldjäger andere Spieler verfolgen oder als Industrieller Produktionsketten aufbauen. Alle Tätigkeiten sind gleichwertig, keine wird vom Spiel besonders belohnt.
Diese Freiheit hat konkrete Konsequenzen. Ihr Schiff, Ihre Fähigkeiten und Ihre Ausrüstung bestimmen, welche Wege Ihnen offenstehen. Die richtige Ausstattung mit Modulen für Kampf, Geschwindigkeit, Verteidigung, Tarnung und Scannen entscheidet, ob Sie einen Konvoi überfallen, eine Belagerung überstehen oder unbemerkt durch feindliches Gebiet fliegen können. Es gibt keine Klassen wie in anderen MMOs. Stattdessen bauen Sie Ihr Schiff nach Ihren Plänen um, und Ihre Fertigkeiten entwickeln sich durch Nutzung.
Der Preis dieser Freiheit: Sie müssen sich Ihre Ziele selbst setzen. Viele Spieler schließen sich deshalb größeren Gruppen an, weil gemeinsame Vorhaben wie der Aufbau eines Handelsimperiums oder die Kontrolle über eine Region nur mit mehreren Dutzend Leuten realistisch sind. Andere spielen als Einzelgänger und spezialisieren sich auf Nischen wie das Aufspüren seltener Erze oder das Auskundschaften feindlicher Flotten.
Wirtschaft: Ein Markt von Spielern für Spieler
Das Wirtschaftssystem von EVE Online ist das Herzstück des Spiels und unterscheidet es von fast allen anderen MMOs. Es gibt keine zentrale Spielfigur, die Waren erzeugt. Alle Güter, von Schiffen über Waffen bis zu Rohstoffen, werden von Spielern hergestellt. Dafür brauchen die Hersteller Blaupausen, die sie durch Forschung oder Kauf erhalten, und Rohstoffe, die andere Spieler fördern oder anbauen.
Der Handel läuft über regionale Märkte an Raumstationen. Dort können Spieler Aufträge zum Kauf oder Verkauf von Waren einstellen, und die Preise bilden sich durch Angebot und Nachfrage. Die Währung heißt ISK. Sie hat einen realen Wert, weil Spieler damit alles kaufen können, was es im Spiel gibt. Es gibt keine Goldmengen, die das System einfach erzeugt. Jede ISK, die ein Spieler verdient, stammt aus einer Transaktion mit einem anderen Spieler oder aus dem Verkauf von Gütern an das Spielsystem. Das Spielsystem zahlt dafür feste Preise.
Diese Struktur hat wirtschaftliche Folgen. Wenn eine große Allianz eine Region blockiert, können die Preise für bestimmte Rohstoffe dort steigen, weil der Nachschub ausbleibt. Wenn eine neue Schiffsklasse erscheint, schießen die Preise für die benötigten Komponenten in die Höhe. Spieler, die diese Zusammenhänge verstehen, können reich werden. Andere verlieren ihr Vermögen, wenn sie auf fallende Preise setzen oder ihre Waren zu spät verkaufen. Es gibt keine künstliche Preisuntergrenze. Der Markt reagiert auf jede Störung.
Corporations: Organisationen mit eigener Politik
Corporations, kurz Corps, sind die Spielerorganisationen von EVE Online. Sie ähneln Gilden aus anderen Spielen, gehen aber weiter. Eine Corporation besitzt eigene Strukturen wie Büros, Lagerhäuser und sogar Raumstationen. Sie baut sie mit ISK und Rohstoffen aus. Die Mitglieder teilen sich Zugriffsrechte. Die Hierarchie reicht vom Gründer über Direktoren bis zu einfachen Mitgliedern, jede Stufe hat andere Befugnisse.
Corporations unterscheiden sich von Gilden durch ihre politische Dimension. Große Corps kontrollieren Territorien, erheben Steuern auf Handel in ihren Regionen oder führen Kriege gegen andere Organisationen. Diese Kriege sind mehr als reine PvP-Schlachten, denn sie haben wirtschaftliche und diplomatische Folgen. Eine Corporation kann eine andere durch Handelsblockaden schwächen, indem sie deren Nachschubwege abschneidet. Oder sie schwächt sie durch Spionage, indem sie Mitglieder in die feindliche Organisation einschleust.
Für einzelne Spieler ist die Mitgliedschaft in einer Corporation oft der schnellste Weg, die komplexen Systeme zu lernen. Viele Corps bieten Schulungen für Neulinge an, vergeben günstige Schiffe oder helfen bei der Finanzierung von Ausrüstung. Gleichzeitig verlangen sie Loyalität und manchmal regelmäßige Abgaben. Es gibt auch Corporations, die nur aus wenigen Freunden bestehen und kaum über eine Basis hinauskommen. Die Größe und der Einfluss einer Corporation hängen von den Zielen und dem Engagement ihrer Mitglieder ab.
Lernkurve: Steil, aber überwindbar
EVE Online hat den Ruf, eine der steilsten Lernkurven aller Spiele zu haben. Die Benutzeroberfläche ist dicht, die Mechaniken sind zahlreich, und viele Systeme erklären sich nicht von selbst. Ein neuer Spieler sieht sich mit Hunderten von Menüs, Statistiken und Fachbegriffen konfrontiert. Ein Fehler kann den Verlust eines teuren Schiffs bedeuten.
Die Entwickler haben darauf reagiert und die Erste-Schritte-Erfahrung überarbeitet. Das erste Kapitel dieser neuen Spielererfahrung heißt AIR. Es startet im September und ist auf dem Testserver Singularity verfügbar. Wer sie ausprobieren möchte, muss einen neuen Charakter in einem leeren Slot erstellen und die Erfahrung in einer Sitzung abschließen. Das Ziel ist, neuen Spielern grundlegende Fähigkeiten durch eine erzählerische Kampagne zu vermitteln. Sie soll die Spieler emotional abholen, statt wie ein trockenes Tutorial zu wirken.
Die Lernkurve endet nicht nach den ersten Stunden. Auch nach Monaten entdecken Spieler neue Mechaniken, von der Produktion komplexer Module bis zur Führung von Flottenverbänden. Wer sich zunächst auf eine Tätigkeit konzentriert, etwa Bergbau oder Handel, und sich dann langsam in andere Bereiche vortastet, kommt besser zurecht als jemand, der alles auf einmal ausprobieren will. Viele erfahrene Spieler empfehlen, sich einer Corporation anzuschließen, weil die Gemeinschaft das beste Lehrmittel ist.